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EINIGE GEDANKEN ZUR KUNST. Ein Essay von Aris Kalaizis

Der in seiner Heimatstadt Leipzig lebende Maler, Aris Kalaizis, erörtert in seinem Essay verschiedene Fragen zur Kunst. Darin geht u. a. um die Bedeutung des Scheiterns, die Qualität eines Kunstwerkes sowie den Stellenwert der Bildung für Kunstschaffende. 


Kalaizis vor seinem Gemälde „Die Schwebende“, 2018. Foto: © Hans Syska

Es mag ein wenig seltsam und fast wie eine Illustriertenfrage klingen, wenn ein Maler von einem Museum nach seinem Lieblingsbild gefragt wird. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich habe kein Lieblingsbild.

Gewiss, es gibt Bilder - zugegeben leider wenige -, die mich tief bewegen und deren magische Kräfte mich ruhelos und nicht selten in eine innere Bestärkung führen. Ein Lieblingsbild aber existiert in mir genau so wenig, wie eine Lieblingsfarbe.

Was wäre ein Malerleben, wenn es nicht von anderen Malereien genährt wäre.


Letztlich ist jede Gegenwart ein Nichts, wenn aus ihr nichts Besseres für die Zukunft entstünde. Infolge dessen wurden Bücher aus Büchern gemacht und Malerei entsteht natürlich auch aus Malerei. So gesehen steckt in jedem Bild meiner Bilder ein Scheitern. Leben heißt Verlieren! Und aus diesem Eingeständnis sollte der Same für das zukünftig Bessere liegen.  Und so ist es nur folgerichtig, dass auch mein Schaffen von Werken anderer Künstler begleitet und zuweilen bewundernd geprägt wurde. Gewiss: Zu späterer Zeit versiegte in mir so manches Schaffen und erfuhr gar schroffe Ablehnung. Das liegt auch daran, dass man in jüngeren Jahren naturgemäß bedingungsloser bewundert, während man mit den Jahren kritischer schätzen lernt.

Ein gutes Bild kann sich nur aus einer formalen Priorität frei entwickeln

So bewunderte ich in jungen Jahren einen Dali, dessen Bilderwelt allmählich verblasste, je älter ich wurde. Später, in studentischer Zeit, bewunderte ich den barocken Meister Ribera, einen Bacon und lernte aus den Bildern der beiden viel über formale Zusammenhänge. Aus der Auseinandersetzung mit diesen Bildern, wie aus den Gesprächen mit meinem Lehrer, Arno Rink, lernte ich etwas prägendes, dass es letztlich keine Dualität zwischen Inhalt und Form geben könne: Rink sagte in gewohntem Stolz:
Form ist Inhalt und Inhalt ist Form!

 Er sollte Recht haben, denn ein gutes Bild kann sich nur aus einer formalen Priorität heraus frei entwickeln, um in das Eigentliche, dem Unvergleichbaren zu gelangen. Die gut erdachten Bilder verbleiben zu oft im Illustrativen. In diesen Bildern geriert die Form lediglich zu einer Art Krücke, die uns in die Gedankenwelt, den inhaltlichen Prämissen des Bildautors führen soll.

Die alten Meister. Worin bestand deren Inhalt?

Suchte man nach Themen der alten Meister, so muss man konstatieren, dass sie zumeist biblischer und zuweilen mythologischer Natur sind. In nahezu allen Fällen standen die Inhalte schon vor der Existenz alter Meister –niedergeschrieben auf ein paar Blättern im sogenannten Buch der Bücher.

Warum beschäftigen uns bis zum jüngsten Tag die herausragendsten Repräsentanten der Malerei? Warum beschäftigen uns Vermeer, Corinth, Velázquez oder El Greco?

Wenn das Wie überzeugend umgesetzt wurde, ist es immer Ausdruck einer gelebten inneren Empfindung

Vermutlich beschäftigen sie uns deshalb, weil sie ihre Malerei gelebt haben und in ihrer Auseinandersetzung, ihrer Anschauung mit der Wesenhaftigkeit der Welt, eine spezifische und letztlich eigentliche Ausdrucksform gefunden haben. Das Was scheint demnach für Kunst nicht das entscheidende Kriterium zu sein, vielmehr das Wie und wenn das Wie überzeugend umgesetzt wurde, ist es immer Ausdruck einer gelebten inneren Empfindung! 

Aris Kalaizis, „Kairos“, Öl auf Leinwand, 100 x 180 cm, © 2017

Aber auch die Literatur half mir „formal“ auf die Sprünge.

Schon das Vordiplom, das ja an der Leipziger Akademie nach Abschluss des zweiten Studienjahres abgelegt werden musste, war frei gewählt und hatte nicht Malerei, sondern Literatur zum Thema. Wenn ich mich recht entsinne, hieß diese Arbeit „Parallelen und Gegensätze im Werk von Thomas Bernhard und Peter Handke“. Dieser zweifelnde, undogmatische und letztlich ideologiefreie Peter Handke war nicht nur „formal“ für mich ein gefundenes Fressen, er sollte auch fortan ein wichtiger Wegbegleiter bleiben. So war es gerade in den Anfängen jedoch nicht verwunderlich, dass meine erste Personalausstellung „Von unvoreiligen Versöhnungen“ heißen sollte. Es war ein Rückgriff und zugleich eine Huldigung an einen neuen Meister.

Primär denkende Künstler können niemals gute Künstler sein


Primär denkende Künstler können niemals gute Künstler sein. Ihr Ansatz ist nicht die fröhliche Wissenschaft, sondern eine vernunftorientierte Wissenschaft. Eine fröhliche Wissenschaft schöpft, während eine vernunftbegabte Wissenschaft lediglich entdeckt. Die Gedanken der großen Künstler wiederum, waren niemals auch nur annähernd in einem Maße gleichbedeutend, wie es die Gedanken der großen Philosophen waren. Das müssen sie auch nicht, wie die Beispiele der alten Meister zeigen.

In der Kunst gleicht daher das Ringen um die bessere Idee, der Suche nach der goldenen Ananas.

Und wenn schon so häufig von der Kunst die Rede ist, so sollte man zumindest auch fragen, ob wir uns nicht zu früh angewöhnt haben, über Kunst – statt über Malerei, Musik oder Literatur zu reden? Macht es nicht Sinn, die Dinge zunächst bei den Dingen zu lassen, als sie sogleich in den Tempel der Kunst zu heben?

 

Aris Kalaizis, „Der Seelenmacher“, Öl auf Leinwand, 130 x 160 cm, © 2017

Um nicht missverstanden zu werden: Selbstverständlich gehörte von jeher zu einem Künstler von Rang natürlich auch Bildung, denn zu seinem Metier zählt nicht nur die Bildschöpfung, die Bildbetrachtung, die Bücherneigung sowie natürlich auch die Auseinandersetzung mit kunsttheoretischen Auffassungen. Auch die alten Meister, die sich hauptsächlich religiösen Themen widmeten, waren nicht selten auch weltlich gebildete Leute. Es ist bekannt, dass u. a. ein Maler wie El Greco, der unter seinen Zeitgenossen als Intellektueller galt, eine eigene Bibliothek besaß.

 Ein ungebildeter Künstler wird nur schwer ein Meisterwerk hervorbringen können, während ein besser gebildeter Künstler durchaus ein Ding von Größe schaffen kann. Das dabei entscheidende Kriterium liegt nicht im Maß seines Wissens sondern im Maß seiner Intelligenz. Wissen und Intelligenz sind aber verschiedene Töpfe.

 Eine gute Voraussetzung für angewandtes Wissen scheint mir dort zu sein, wo sich hinter der Gestalt des Menschen, auch ein wirklicher Mensch verbirgt. Novalis lehrte uns daher zurecht, dass Menschwerden eine Kunst sei. Und es gibt jede Menge Leute, die überaus reich an Wissen sind und sich doch so schwer mit noch so kleinen Demutshandlungen tun?

Eine kleine Anekdote, die mir kürzlich ein Bekannter erzählte:


Wissen und Intelligenz sind verschiedene Töpfe

Dieser war mit einem Freund, den er als gebildet und klug bezeichnete, in einem nahen Ausland. Als die beiden merkten, dass sie sich verlaufen hatten, fragte der Freund meines Bekannten einen Einheimischen. Der Einheimische gab sich allerlei Mühe den beiden Fremden zu helfen. Als sich jedoch für den Fragenden abzeichnete, dass der Einheimische ihm doch nicht helfen konnte, wandte er sich auch nur ohne ein Wort des Dankes von ihm ab und ging seiner Wege.

Die kleine Geschichte zeigt doch sonnenklar, dass ein Wissender durchaus ungebildet sein kann, denn zur Bildung gehört doch zuvorderst die Arbeit an der eigenen Maschine. Und jene Theorie ist immer die beste, die sich anwenden lässt.

Bevor ich aber abschweife, sei festgehalten, dass durch Bildung alleine keine Kunst entstehen kann.

Was nützt Bildung, was nützen selbst höchste handwerkliche Fähigkeiten, wenn ein Künstler den Grad seiner Erkenntnisse nicht in gleichnishafte Chiffrenbilder zu übertragen wüsste.

In den gemalten Chiffren kommen Qualitäten der jeweiligen Lebensschulen zum Ausdruck und die intelligentesten Bildbetrachter lesen aus den Bildern so mancher Maler, sogar die Lehrmeister ihrer theoretischer Lehre heraus. Mit anderen Worten: Eine Malerei muss nicht vordergründig philosophisch erscheinen, um unterschwellig zu wirken.

Aris Kalaizis, „Hypokaimenon“, Öl auf Leinwand, 160 x 170 cm, © 2017

Die beste Sprache der Kunst ist von einer Art geheimer Chiffrenschrift. Ihr Duktus ist subtil und erst jenes Kunststück vermag zu einem Kunstwerk und zu anderer Zeit werden oder gar in den Bann der Geschichte zu gelangen, dass mit subjektiver Leidenschaft und einer gehörigen Portion Unvernunft betrieben wurde und das sich metaphorisch zu formulieren weiß. Der griechische Ursprung des Wortes μετα-φορέω meint eine nachträglich bearbeitete Überbringung bringt dadurch ziemlich klar zum Ausdruck, dass das Gesagte und das Gemeinte nicht einerlei ist. Für die bildende Kunst ist die Metapher ein Schlüssel für die Fortwirkung von Bildern, denn je höher die Neigung zur Metapher, desto höher ist stets der intellektuelle Genuss.

 Klug sind daher jene Bilder zu bezeichnen, die beim Betrachter einen tieferen inneren Dialog erzeugen. In ihnen gilt, was früher galt: Malerei wird nicht mit Worten gemacht, sondern mit Farbe und diejenige Malerei ist ohnehin als schlecht zu bezeichnen, die eine nachträgliche Fürsprache des Autors bedürfe. Ein wenig Farbe und eine gelungene Komposition können für ein Meisterwerk reichen.

Kunst ist wie ein kompliziertes Billardspiel.

Je höher die Neigung zur Metapher, desto höher ist der intellektuelle Genuss


Am schönsten ist dieses Spiel wenn über die Bande gespielt wird. Klar, dass das Wort „Bande“ hier einen Betrachter auf Augenhöhe meint. So gesehen ist nicht nur das Malen von Gemälden, sondern auch das aktive Betrachten zwei Seiten ein und derselben Medaille. Eine Veränderung, die eine persönliche Entwicklung zur Folge hat, beruht immer auf Selbstreflexion.

 Elend sind hingegen Bilder und Künstler, die ihren Auftrag darin sehen, ihr Publikum zu belehren. Ihr Antrieb ist von missionarischer Natur. Die Erhabenheit ihrer Gedanken soll sich im Betrachter wiederspiegeln. Der gutartige Künstler glaubt nicht an den Mehrwert seiner Errungenschaften, sondern an den Mehrwert durch seine Publikum. Er lässt sich belehren, während der weniger gutartige Künstler jede kritische Einmischung durch den Betrachter als Affront versteht.

 Die Sprache der Kunst ist von jeher subtil und erst jenes Kunststück vermag zu einem Kunstwerk werden und sogar in den Bann der Geschichte gelangen, dass mit Leidenschaft und einer gehörigen Portion Unvernunft betrieben wurde und das sich metaphorisch zu formulieren weiß. Insofern sollte die Metapher etwas kunstimmanentes sein und wer weiß, vielleicht ist sie der passende Schlüssel zur Geschichte …

 

© 2018 Aris Kalaizis (Auszug: Einige Gedanken zur Kunst - Von Aris Kalaizis)


Aris Kalaizis (*1966) wuchs als Sohn griechischer Emigraten in Leipzig auf. Im Jahr 1992 begann er das Studium der Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, das er 1997 mit Auszeichnung abschloss.Von 1997 bis 2000 absolvierte er sein Meisterschülerstudium bei Arno Rink. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland.

2014 zeigte das Museum Angerlehner in der Ausstellung "Fremdvertraute Wirklichkeiten" das Werk des in Leipzig lebenden Künstlers erstmals in Österreich. Kalaizis' sehr treffend als „unterrealistisch“ bezeichneten Bildwerke frappieren durch geheimnisvolle Bildelemente und Formkombinationen.




Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 27. Juni 2018 gepostet.

Museum Angerlehner