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"Griasti" vs. "How are you"

von Frau Doktor Aloisia Moser, Sprachphilosophin

Bei meinem Ausflug in die österreichische und US-Amerikanische Sprache geht es mir darum, dass das Sprechen der Sprache ein Teil einer Tätigkeit, oder einer Lebensform ist, wie der Philosoph Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen sagt. Das gemeinsame Sprechen prägt uns als Teil einer Lebensform.

Wenn wir einander auf der Straße begegnen sagen wir „Griasti“ oder „Grüß Gott“ und bekommen den Gegengruß „Grüß Gott“. Wenn US-Amerikanerinnen sich auf der Straße begegnen sagen sie „How are you?“ und die Antwort darauf ist „I am fine, thanks.“ Sie werden keine US-Amerikanerin finden, die auf diese Frage mit „Oh, I am not so well today.“ antwortet. Das Sprachspiel geht so nicht, man sagt sich nicht wie man sich fühlt, man sagt auch dann „I am fine“ wenn man sich schlecht fühl. Es ist das Sprachspiel des Grüßens. Wenn Sie allerdings in Österreich statt „Grüß Gott“ mit „Wie geht es Ihnen?“ beginnen, können Sie sicher sein, dass sie einen Bericht darüber bekommen, wie es der Person wirklich geht. Die Frage wird nicht als Floskel genommen, sondern beantwortet.

In den USA ist es gängig, dass sich wildfremde Menschen miteinander unterhalten. Europäerinnen sind oft erstaunt von dieser Freundlichkeit der Menschen, tun sie dann aber oft als oberflächliche Freundlichkeit ab. Und natürlich gibt es einen Grund für die Freundlichkeit. In den USA kann man sich nicht einfach drauf verlassen, dass der Mensch neben einem genau so tickt oder tut wie man selbst. Die Menschen kommen aus verschiedensten Ländern oder Kulturen und man begegnet sich daher mit großer Freundlichkeit und Offenheit, da man sonst schnell jemanden verletzen oder auch selbst verletzt werden könnte. Die freundliche Offenheit ist zuvorkommend, sie kommt einem eventuellen Missverständnis zuvor. Natürlich ist sie darin Selbstzweck. Und auch darin, dass man in der Offenheit und im Austausch bereichert wird liegt Selbstzweck.

In Österreich muss man das nicht tun. Die meisten Österreicherinnen gehören der weißen eingeborenen Mehrheit an und erwarten dass sich alle anderen Zugewanderten danach richten wie sie tun. Es gibt keinen Austausch darüber wie wer tut, weil man davon überzeugt ist, dass so wie man selber tut richtig ist. In den USA habe ich deshalb das Gefühl im Alltag als Mensch wahrgenommen zu werden, während ich mir hier in Österreich oft wie ein Gegenstand vorkomme, der im Weg steht.

Als ich in die USA gegangen bin um mein Doktorat aus Philosophie zu machen, wollte ich dort studieren, wo die Sprachspiele offen sind und wo ich nicht das Gefühl hatte durch meine Herkunft und mein Geschlecht auf eine bestimmte Rolle festgelegt zu sein. Ich wollte dort studieren, wo ich mich durch mein Sprechen und Handeln selbst entwerfen konnte, wo die Menschen den Pragmatismus leben, den ich in der Sprachphilosophie so spannend fand.


Wenn ich vom Pragmatismus spreche rede ich nicht davon dass die Amerikaner pragmatisch sind in dem sie nur das tun was ihnen Nutzen bringt. In der Philosophie meint der Pragmatismus dass man anstatt höherer Ideen oder Gesetze das ansieht was funktioniert.

In der Sprachphilosophie heißt das, dass Wörter nicht schon Bedeutungen haben. Erst wenn wir Sätze aussprechen, also die Wörter zusammenstellen um etwas zum Ausdruck zu bringen entsteht Bedeutung sagt die Sprachpragmatik. Die Bedeutung ergibt sich im Gebrauch und von unseren Sprachspielen her die Teil unserer Lebensform sind. In diesem Sinne war schon Wittgenstein ein Pragmatist.

Für unsere Sprachverwendung heißt das, dass wir durch die Art in der wir unsere Sprachspiele spielen uns gleichzeitig unsere Bedeutungen herstellen und an unserer Lebensform teilhaben während wir sie gleichzeitig ausbilden.

Die Hautfarben sind ein Foto das ich von einem Kunstwerk im neuen Whithney Museum in New York gemacht habe
Dieser Beitrag wurde am Freitag, 2. Juni 2017 gepostet.

Museum Angerlehner